Goethe by Albert von Trentini

Goethe by Albert von Trentini

Author:Albert von Trentini
Language: deu
Format: epub
Tags: Other Fiction
Publisher: gwbooks
Published: 2010-11-12T16:00:00+00:00


Siebentes Buch

Zeichen

Aber, wo blieb Nausikaa? Das Meer war durchschifft worden, Tasso, auf dem Meere, erlebt wie das klarste Bewußtsein der neugeborenen Brust, – und hier wuchs die Urpflanze! Der schmale Homer kehrte verstimmt vor diesem ersten ganzen Bewußtsein: Welt, aus der glücklichen Hand in die Tasche zurück. Denn: hier war sie wahrhaftig, die ganze, zum erstenmal völlige Welt! Himmelhoch ragten die Bäume aus den Dehnungen der Rasen und den Wölbungen der Boskette des Gartens. Alle Familien, Arten, Gattungen und Geschlechter der Bäume, Sträucher und Blumen des Paradieses, vom niedrigen rosenroten Steinbrech an, der auf Adams Ruhefelsen gewachsen war, bis zur Mammutkiefer, darunter die Löwen geschlafen hatten, standen vereint, wie sich Männer, Weiber und Kinder aus allen Völkern der Erde zum Abbild vom Volke der Menschheit zusammenstellen könnten, zwischen den Mauern des Gartens. Beglühte Häuser von Palermo, beschattete Häuser von Palermo, ein ziegelrotes arabisches Tor, sarazenische Fensterbögen und schleirige Zinnen schauten darüber herein, und die glockenblumenblaue Kahlheit des Monte Pellegrino unter der Windung seines nobeln Konturs. Draußen aber, – man sah es nicht, aber hörte und roch es – das Meer! »Meer!« O, so lächelt das Kind, das endlich die Mutter gefunden hat, die erste und letzte! »Meer!« Es war wahr: Keine Zunge, die Staub geschmeckt hat, kann dies Wort anders aussprechen als mit dem Gestammel der Sehnsucht. Und keine, die das bittere Salz aus der streichenden Bläue gesogen hat, anders als mit dem Pathos der Liebe: »Meer!« Nenne die Erde das Sichere; das, was du weißt! Und das Meer das Ungewisse; das, was du nicht weißt! Und steige entschlossenen Fußes über das schwankende Brett in das schwankende Boot, – und wer kennt dich noch? Bist du noch du? So wie der Tag vor der Nacht, oder umgekehrt, oder wie das Gute vor dem Bösen, oder umgekehrt, – »so wie das Gelbe vor dem Blauen, oder umgekehrt,« lächelte der leuchtende Mann, – zieht sich die Erde dann zurück vor der rinnenden Woge, die keinen Ort der Fessel weiß und keinen der Bestimmtheit und selbst in den Buchten höhnisch spielt mit ihrem Flüssigen gegen das Starre, und entsinkt, – und zum erstenmal erkennst du: die Erde, das Grüne, das Feste, und den gemeinsamen Himmel! Und gibst dich zum erstenmal auf und dahin, an das Ganze: die Welt! Deutschland? Rom? Neapel? Paestum? »Und ich selber und all meine Nöte?« Er lächelte, der leuchtende Mann. Kindlich: den Weg zu sich selber auf der begrenzten Fläche der Erde zu suchen; im Bezirk nur des Einen, ohne das ergänzende Zweite auch nur gewittert zu haben! Jetzt erst stehst du, mein Freund, vor den Pfaden der Welt! Jetzt erst: wähle! Jetzt: gehe!

Als er, bei sinkendem Mittag, ging, den Garten verließ, trug er in der Hand: einen Thujenzweig, ein Zweiglein der Silberpappel, eine Feder der Kokospalme, ein Ästchen des Affenbrotbaumes, eine Magnolienblume und: die Feuerlilie. Im Geist: alle Keime, Wurzeln, Stämme, Schäfte, Blätter, Blüten, Kelche, Knoten, Staubgefäße, Beutel, Griffel, Samen und Früchte aller Pflanzen dieses Gartens. Er schritt die lichtbrüllende Stadt durch, den Sinn untrüglich gen Norden gerichtet,



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